Auf Friedhöfen finde ich Frieden

Die meisten Menschen fühlen sich dort eher unbehaglich. Ich finde auf Friedhöfen den Frieden, den ich im Alltag nirgends finden kann.

Ein Gastbeitrag von Alois Fens.

Heute hatte ich wieder einen beschissenen Tag. Was mache ich? Ich kaufe mir eine Flasche Jack Daniels und gehe zu Opa. Opa wohnt aber nicht in der Wohnung nebenan. Opa wohnt auf dem Kieler Südfriedhof.

Gegen Abend, wenn der Betrieb weniger wird, gehe ich auf den Friedhof. Ich schlendere langsam von Grab zu Grab; lese mir die Namen durch und lasse die Jahreszahlen auf den Grabsteinen auf mich wirken. Julia G. 2002 – 2018. Scheisse, man; 16 Jahre und schon tot. Was war da los. Ich bleibe stehe, öffne meine Flasche Jack Daniels, trinke einen Schluck und gieße ein wenig Whiskey auf das Grab von Julia. “Auf dich, Julia.” Ich gehe weiter.

Zwei Gänge weiter biege ich zu Opas Grab ein. Als ich den Grabstein sehe, freue ich mich, als würde ich einen alten Freund treffen. “Hallo Opa”, sage ich, setze mich in den Schneidersitz vor das Grab und fange einfach an zu erzählen. Ich rede und rede – auch wenn mir vermeintlich niemand zuhört – Opa hört mir zu. Das weiß ich.

Ich fühle mich wohlig warm; es beginnt zu dämmern. Eine alte Frau späht aus einem Parallelgang zu mir herüber; einen kurzen Moment später ist sie fort und es scheint mir, dass niemand mehr da ist. Alles ist absolut still. Ich hole eine Kerze heraus, entzünde sie und stelle sie vor Opas Grab. Ich trinke einen großen Schluck Jack Daniels und schütte einen großen Teil auf Opas Grab. “Prost, Opa”, sage ich und lächle.

Die fucking Welt versteht mich nicht. Opa schon; nicht weil er tot ist, sondern weil er mir ein wohlig warmes Gefühl der Freundschaft und Nähe gibt. Eine Drossel setzt sich auf Opas Grab – direkt vor mich – und schaut mich an. Ich bewege mich nicht, sie bewegt sich nicht und ich muss erneut lächeln. “Ich brauche kein Zeichen, Opa, ich weiß, dass du da bist.” Die Drossel hüpft über das Grab und fliegt auf den Grabstein.

Es ist mittlerweile fast ganz dunkel um mich herum. Ich könnte mich jetzt vor das Grab legen und einfach einschlafen, aber ich muss wieder zurück in die Welt der Toten, die Welt der lebenden Toten …