Der Exorzismus der Anneliese Michel

Am 1. Juli 1976 starb Anneliese Michel in Klingenberg an den Folgen von Unterernährung und Entkräftung, doch wie kam es dazu? In ihrem Kampf gegen die beiden Exorzisten, Pater Arnold Renz und Pfarrer Ernst Alt, die bei ihr einen Großen Exorzismus nach dem Rituale Romanum durchführten, wurde ihr unter anderem von den Dämonen Luzifer, Judas, Nero und Kain befohlen, die Nahrungsaufnahme zu verweigern, was sie befolgte.

Bis zu ihrem 16. Lebensjahr führte die am 21. September 1952 in Leiblfing geborene Anneliese Michel ein ganz normales, wenn auch religiös geprägtes Leben. Doch von da an sollte sich alles ändern. Nun begann ihre siebenjährige Odyssee, die mit ihrem Tode enden sollte. Nachts wurde ihr Körper von schweren Krämpfen erschüttert und sie verlor die Kontrolle über sich selbst. Aus Angst konnte sie sich ihren streng religiösen Eltern Anna und Josef und ihren drei Geschwistern zunächst nicht anvertrauen. Eine Neurologin der Würzburger Universitäts-Nervenklinik diagnostizierte bei ihr anhand eines Hirnstrombildes eine Schläfenlappenepilepsie in der linken Gehirnhälfte. Anneliese wollte dieses Urteil jedoch nicht wahrhaben. Trotz guter anfänglicher Therapieergebnisse begab sie sich aufgrund ihres religiösen Irrglaubens in die Hände der Kirche, bestärkt durch Haltung ihrer Eltern und nahen Verwandten, die die Ursache von Annelieses Krämpfen ebenfalls in der Besessenheit sahen.

Im Sommer 1973 besuchten ihre Eltern mehrere Geistliche, um einen Exorzismus zu beantragen, diese wurden jedoch abgelehnt, da die von der Kirche strikt festgelegten Bedingungen einer Infestatio, einer Besessenheit, wie z.B. die Aversion gegen Religion und religiöse Objekte, das Sprechen anderer Sprachen, obwohl die Person diese nicht erlernt hat, übernatürliche Kräfte, usw. noch nicht erfüllt waren.

Nachdem Pastor Ernst Alt sie 1974 über einen längeren Zeitraum beobachtete, beantragte er die Erlaubnis der Durchführung eines Exorzismus beim Würzburger Bischof Josef Stangl, der jedoch mit der Begründung ablehnte, daß Anneliese durch ein religiöseres Leben geheilt werden könnte. Jedoch verschlimmerten sich dadurch die Anfälle weiter. Annelieses Verhalten wurde zunehmend irrational und krankhaft. Sie begann damit, ihre Familienmitglieder zu beschimpfen, zu beißen oder zu schlagen. Sie begann Insekten zu essen und trank ihr eigenes Urin. Nachts schlief sie auf dem kalten Steinfußboden und ihre Schreie waren im ganzen Haus hörbar. Sie zerstörte alle Arten von religiösen Objekten, Kreuzen, Jesus- oder Mariabildnissen, sie zerriß ihre Kleider und sprach mit einer vollends verfremdeten Stimme.

Nach einer gründlichen Untersuchung der Vorkommnisse im Jahre 1975, beauftragte Bischof Stangl schließlich doch die Geistlichen Renz und Alt, einen „Großen Exorzismus“ auf Basis des Rituale Romanum durchzuführen. Damit sollte Anneliese von einer Reihe von Dämonen, u.a. Luzifer, Iscariot, Kain, Judas, Hitler und Fleischmann, einem im 16. Jahrhundert in Ungnade gefallenen fränkischen Priester und weiterer verdammter Seelen befreit werden.

Von September 1975 bis Juli 1976 wurden jede Woche ein bis zwei Exorzismus-Sitzungen durchgeführt. Annelieses Anfälle waren stellenweise so stark, daß sie während der Sitzung von drei kräftigen Personen festgehalten oder angekettet werden mußte. Trotz dieser Heftigkeit fand sie wieder ein Stück Normalität. Sie konnte wieder die Schule besuchen, ihren Abschluß in Pädagogik machen und zur Kirche gehen.

Die Anfälle hörten aber nicht auf, tatsächlich nahmen sie in ihrer Häufigkeit zu. Anneliese wurde oft bewußtlos oder war für einen lange Zeitraum wie gelähmt. Woche für Woche wurde der Exorzismus durchgeführt und es mußten sich schlimme, beinahe unvorstellbare Szenen in Annelieses Zimmer abgespielt haben, wie über 40 Tonbandaufnahmen belegen. Schließlich verweigerte Anneliese die Nahrungsaufnahme und nach mehreren Wochen fand der letzte Exorzismus am 30. Juni 1976 statt.

Anneliese war stark abgemagert (31 kg) und sie litt zusätzlich unter einer Lungenentzündung, die mit starkem Fieber einherging. Die Bitte um Absolution waren Annelieses letzte Worte an die Exorzisten und zu ihrer Mutter sagte sie: „Mutter, ich habe Angst!“. Am nächsten Tage fand ihre Mutter sie tot vor.

Nur zwei Jahre zuvor (1974) kam William Friedkins „Der Exorzist“ in die deutschen Kinos, der eine unglaubliche Hysterie verbreitete und dem „Klingenberg Fall“ um Anneliese Michel ganz anderen Zündstoff gab. Zwei Jahre nach Annelieses Tod wurde der Fall vor Gericht ausgetragen und die Eltern und die beiden Geistlichen zu Haftstrafen wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt; denn ein Arzt hätte in jedem Fall zu Rate gezogen werden müssen, so das Gericht.

Jedoch waren die Fronten verhärtet; denn die Geistlichen und alle Beteiligten waren von der Besessenheit überzeugt, die Wissenschaftler, allen voran die Neurologen hingegen nicht und sie untermauerten ihre Argumente immer wieder mit der nachweislichen Epilepsie, die schließlich die Psychosen ausgelöst. Die Geistlichen beriefen sich auf die Authentizität der Tonbandaufnahmen und man könnte fast sagen, der Streit würde bis heute andauern.

Doch auch 2 Jahre nach ihrem Tode sollte Anneliese nicht zur Ruhe kommen. Eine Karmeliternonne aus dem Allgäu wollte angeblich Botschaften aus dem Jenseits von Anneliese empfangen haben, mit dem Inhalt, daß der Tod von Anneliese nicht umsonst gewesen sei, sondern daß er der Sühnung der verdammten Seelen gegolten habe, die nun frei sind. Als Beweis dafür soll ihr Leichnam unverwest sein. Und so kam es am 25. Februar 1978 zur Exhumierung. Unter Ausschluß der Öffentlichkeit wurde der Leichnam vom Bürgermeister und Gerichtsmedizinern in Augenschein genommen, doch den Eltern wurde der Zutritt zur Leichenhalle polizeilich verweigert. Noch am selben Tag wurde die Leiche wieder beigesetzt. Hatte man etwas zu verschweigen? Sollte etwas vertuscht werden oder warum mußte alles so schnell gehen und warum wurde den Eltern der Zutritt verweigert? War der Leichnam Annelieses vielleicht wirklich unversehrt?

Weiterführende Links:
http://www.emily-rose.de – Film zur Geschichte von Anneliese Michel

http://www.taz.de/pt/2003/05/31/a0360.nf/text – Artikel über den Fall Anneliese Michel aus der taz

http://www.theologe.de/theologe9.htm – Artikel in ”Der Theologe” (kirchenkritische Website ehemaliger Geistlicher)

http://www.exorzismus.net/Kommentar_Klingenberg.htm – Kommentar eines katholischen Priesters zum „Fall Klingenberg“

http://de.wikipedia.org/wiki/Anneliese_Michel – Wikipedia-Artikel zu Anneliese Michel.

Weiterführende Literatur:
• Uwe Wolff: Das bricht dem Bischof das Kreuz : die letzte Teufelsaustreibung in Deutschland.

• Felicitas D. Goodman : Anneliese Michel und ihre Dämonen: Der Fall Klingenberg in wissenschaftlicher Sicht

• Georg Siegmund (Hrsg.): Von Wemding nach Klingenberg. Vier weltberühmte Fälle von Teufelsaustreibungen.
• Elisabeth Becker (Hrsg.): Der Exorzismus der Kirche unter Beschuss.

• Lisl Gutwenger: Treibt Dämonen aus! : Vom Blumhardt bis Rodewyk , vom Wirken katholischer und evangelischer Exorzisten.