Der gute Draht zu “Mama”

Meine Mutter “Mama” starb vor knapp einem Jahr. Sie fehlt mir heute jeden Tag, aber ich habe einen guten Draht zu ihr entwickelt, der mir hilft, im Alltag leichter über ihren Tod hinweg zu kommen.

Ein Gastbeitrag von Norbert Drexler.

Heute koche ich Mamas Leibgericht, das ich ebenfalls liebe: Königsberger Klopse. Wir haben dieses Essen immer gemeinsam zelebriert. Während ich die Kartoffeln schäle, erzähle ich Mama von meinem Alltag, ganz so, als wäre sie noch da und mein Monolog entwickelt sich fast zum Dialog, weil ich die Leerstellen, die Mama immer mit Sätzen gefüllt hat, nun selbst fülle. Ich ertappe mich dabei, wie ein Gespräch entsteht, über das ich selbst lachen muss. Ich führe Selbstgespräche!?!

Ich habe nie an Geister geglaubt und irgendwie glaube ich auch weiterhin nicht an Geister, wie man sie aus dem Fernsehen, aus Geschichten, von geisternews.de 🙂 oder von wo auch immer her kennt. Ich glaube aber daran, dass es meiner Mama – wo immer sie jetzt auch ist – gut geht und sie mich verstehen / hören kann. Andere mögen das belächeln oder verächtlich den Kopf schütteln, mir geht es damit besser – viel besser und das ist letztlich das, was zählt.

“Das Salz erst in das kochende Wasser geben”, höre ich die Stimme meiner Mama, als ich das Salzglas in die Hand nehme. Ich weiß, dass das Projektionen sind, Erinnerungen. Aber in diese Projektionen mischen sich zusehends Dinge, die ich mir nicht erklären kann, die ich mir aber auch nicht erklären will: Mein “Bauchgefühl” ist seit Mamas Tod stärker geworden; d.h. wann immer es eine intuitive Entscheidung braucht, höre ich stärker auf meinen Bauch, als auf meinen Kopf. Mein Bauchgefühl hat mich seitdem nicht getäuscht. Ist eben dieses Gefühl vielleicht mehr als nur eine plötzliche Eingebung? Ist das vielleicht unser Draht zur Anderswelt, zum Jenseits, zu den verstorbenen Mamas und Papas dieser Welt, die jetzt über ihre Kinder wachen?

Das Essen ist fertig. Ich stelle zwei Teller hin, einen für mich und einen für Mama, fülle uns beiden auf, zünde eine Kerze an, halte inne und werde für einen ganz kleinen Moment traurig. “Nun iss schon, mein Junge”, sagt sie und lächelt. Ich lächle zurück.