Der okkulte Charme der Petermannhöhle

Königstein/Liliensein – Inmitten der Sächsischen Schweiz liegt der Berg Lilienstein, ein beliebtes Ziel für Wanderer im Elbsandsteingebirge. Ein Stück abseits der regulären Wanderwege liegt die Petermannhöhle, die nicht nur Touristen, sondern auch Okkultisten anlockt.

Nadja(*) hat sich am späten Nachmittag auf den Weg zur Petermannhöhle aufgemacht, um von dort – wie sie sagt – ihr Leben ein wenig zu steuern. Auf dem Weg zur Höhle erzählt sie von der dunklen Kraft, die von der Höhle ausgeht und den Riten, die sie darin gerne vollzieht, sobald die Wanderer das Gebiet verlassen haben.

Nach knapp zwei Stunden erreichen wir das Ziel, die Petermannhöhle am südöstlichen Fuße des Liliensteins. Nadja hält mich fest, als ich die Höhle betreten will. “Tritt nicht einfach in ein fremdes Haus. Lass es dich in sich hineinziehen.” Wenige Augenblicke später weiß ich, was Nadja meint. Ich schließe meine Augen, beginne leicht zu meditieren und mich zu öffnen und bemerke den unglaublichen Sog, der von dem Eingang, der von der Höhle ausgeht.

Wir betreten gemeinsam die kleine Höhle, die nicht mehr als einen rundlichen Raum umfasst. Der Boden ist weich, die Geräusche sind dumpf, alles in mir schreit, diese Höhle zu verlassen. Sie wirkt lebendig. Die dämonischen Energien in dieser Höhle scheinen beinahe greifbar.

Nadja beginnt trockenen Torf zu räuchern. “Dämonen mögen das. Sumpfige Erde. Trostlosigkeit.” Es riecht unangenehm. Sie umkreist einmal die Höhle und wirkt beinahe beseelt in dieser bedrückenden Unwirklichkeit. Sie holt ein Teelicht, ihr Ritualmesser, ihr Buch der Schatten und einen kleinen Zettel hervor. Sie entzündet das Teelich und legt es am hinteren Rand der Höhle ab. Sie öffnet ihr Buch der Schatten und beginnt Formeln und Namen zu zitieren. Der Torfrauch und die gesprochenen Formeln machen die Höhle endgültig zu einem bösartigen Lebewesen. Es fällt mir sehr schwer in der Höhle zu bleiben, aber ich möchte Nadja nicht unterbrechen. Ihre Rezitation wird immer lauter, die Artikulationen immer tierischer. Schließlich hört sie auf, schneidet sich mit dem Ritualmesser ganz langsam in den Unterarm, tränkt einen kleinen Zettel mit ihrem Blut und legt den Zettel anschließend auf das Teelicht.

Das Papier verbrennt und das Licht wird gleichzeitig von der Asche erstickt.

Nadja schreit dumpf und tief und fängt dabei an zu lachen. Ich weiß nicht, ob es Nadja ist, die das soeben getan hat. Sie legt sich in die Mitte der Höhle, öffnet eine Rotweinflasche, trinkt einen großen Schluck aus der Flasche, schüttet einen weiteren Teil auf den Boden und reicht mir die Flasche.

Ihr Gesichtsausdruck ist ein ganz anderer. Sie ist nicht mehr das schüchterne 22-jährige-Gothic-Mädchen, mit dem ich die Höhle betreten habe. Sie ist jemand anderes, wer auch immer.

Wortlos verlassen wir die Höhle und machen uns auf den Rückweg nach Königstein. Es dämmert bereits stark. Ich hätte nicht gedacht, dass Dunkelheit einmal so erlösend sein kann.

 

*Name geändert

Bild: olorien