Geistergeschichten zu Weihnachten

Vom 19. bis weit in das 20. Jahrhundert hinein lebte in Großbritannien die Tradition, sich Geistergeschichten zu Weihnachten zu erzählen, bevor Halloween Ende des 20. Jahrhunderts diese Tradition ablöste.

“Wann immer sich fünf oder sechs englischsprachige Menschen am Heilig Abend um ein Feuer versammelten, begannen sie sich Geistergeschichten zu erzählen”, schreibt der englische Autor Jerome K. Jerome in seiner Geistergeschichtensammlung Told After Supper.

Der wohl berühmteste Vertreter dieser Tradition ist der englische Autor Charles Dickens, der am 19. Dezember 1843 die Geistergeschichte A Christmas Carol (dt.: Eine Geistergeschichte zu Weihnachten oder Ein Weihnachtslied) veröffentlichte.

Der eigene Schreibstil Dickens wird bereits im ersten Absatz der Geschichte deutlich: “Marley war tot, damit wollen wir anfangen. Kein Zweifel kann darüber bestehen. Der Schein über seine Beerdigung ward unterschrieben von dem Geistlichen, dem Küster, dem Leichenbestatter und den vornehmsten Leidtragenden. Scrooge unterschrieb ihn, und Scrooges Name wurde auf der Börse respektiert, wo er ihn nur hinschrieb. Der alte Marley war so tot wie ein Türnagel.”

Dickens setzte diese Tradition fort, Geistergeschichten an Weihnachten in unterschiedlichen Zeitungen zu veröffentlichen, darunter waren Texte, wie The Chimes oder The Haunted Man and the Ghost’s Bargain, bevor er 1868 diese Tradition aufgab; denn “ich habe das Gefühl, dass ich Weihnachten vor einigen Jahren ermordet habe (vielleicht tat ich es wirklich!) und sein Geist mich nun ständig heimsucht”, so Dickens.

Während sich auch renomierte deutsche Dichter wie Johann Wolfgang Goethe in ihren Texten vielfältig mit dem Thema Geister auseinandergesetzt haben (vgl hierzu: Mit Goethe durch die Welt der Geister: Geisterbegegnungen aus vielen Jahrhunderten. von Annekatrin Puhle), hat sich diese Tradition in Deutschland jedoch nicht durchgesetzt.

Und laß dir raten, habe
Die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne;
Komm, folge mir ins dunkle Reich hinab!
(Goethe, Iphigenie auf Tauris. 3. Aufzug, 1. Auftritt 1232ff., Orest zu Iphigenie)

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