Meine Oma

Ein Gastbeitrag von Anna-Lena Wulf.

Meine Oma war eine besondere Frau. In ihrer Familie galt sie stets als das schwarze Schaf. Als Kind überlebte sie die Flucht aus Ostpreußen und bittere Armut. Sie heiratete jung, bekam früh Kinder und ließ sich zu einer Zeit, als dies undenkbar schien, scheiden – und das gleich zwei mal. Sie suchte Halt bei zwei gewalttätigen, alkoholkranken Ehemänner und fand ihn schließlich in sich selbst.

Meine Oma war eine starke Frau. Morgens arbeitete sie am Fließband, Nachmittags kümmerte sie sich um ihre drei Kinder, Abends ging sie zur Schule, Nachts putze sie Schulen und Turnhallen und zwischendurch überstand sie Chemotherapie und Brustamputation.

Meine Oma machte nie ein großes Gewese. Für sie war es selbstverständlich auf ein eigenes Bett zu verzichten, um die beiden Kinder ihres Ex-Manns aufnehmen zu dürfen und so ihr Elend aus wechselnden Pflegefamilien und Heimaufenthalten zu beenden.

Meine Oma war niemals in ihrem Leben im Urlaub und doch konnte sie uns die aufregendsten Geschichten von den fantastischsten Orten erzählen.

Ich habe meine Oma geliebt. Nicht für die großen Dinge, sondern für die vielen Kleinen. Sie konnte mit einem „Abrakadabra“ und einer Schale Wasser aus Butterstecker lustige Spiralen zaubern. Wenn wir uns Nachts in ihr Wohnzimmer schlichen, um heimlich einen Film zu sehen, klopfe es dreimal an der Tür und davor stand eine Schale Chips und warme Decken. Manchmal bettete ich meinen Kopf in ihrem Schoß und sie las mir stundenlang Gedichte vor. Für mich war es der schönste Ort auf der Welt. Sie war das Ziel meiner ersten Autofahrt und ihr beichtete ich als erstes, dass ich eine Hexe bin. Sie lächelte nur und hieß mich willkommen.

Ich habe meine Oma sehr geliebt.

Am 29. November 2016 ist meine Oma gestorben.

Früh morgens klingelte mein Telefon im Büro. Die Stationsleiterin war am Apparat: Meiner Oma ginge es sehr schlecht und sie wollte wissen, ob sie noch einen Arzt rufen sollte. Ich sagte ihr, dass ich nicht Entscheidungsberechtigt bin, aber meine Oma nun endlich gehen könne und ihr Tod nicht weiter künstlich herausgezögert werden sollte. Danach rief ich meine Mutter an und sagte ihr, dass Oma bald sterben würde und sie sich mit ihrer Schwester gleich auf den Weg machen sollte.

Ich war zu diesem Zeitpunkt schwanger und hatte eine Stunde später einen wichtigen Untersuchungstermin. Den Termin wollte ich absagen und direkt zu meiner Oma fahren, um sie auf ihrem letzten Gang zu begleiten. Meine Mutter bestand darauf, dass ich ihn wahrnehmen sollte: „Die Untersuchung ist zu wichtig. Dein Kind geht vor. Oma wird auf dich warten.“ Ich wusste, dass sie sich irrte und gleichzeitig begriff ich, dass dieser letzte, so innige Moment ganz meiner Mutter und ihrer Schwester gehören sollte.

Ich hatte als Einzige die Gelegenheit gehabt mich wirklich von meiner Oma zu verabschieden. Dieser Tag lag mittlerweile schon 10 Jahre zurück. Meine Oma und ich wussten damals, dass sie bald sterben würde. Wir haben beide nicht damit gerechnet, dass ihr eigentlicher Tod so lange auf sich warten lassen würde, dass ihr letzter Gang ein so langer und beschwerlicher Weg werden würde, auf dem die Alzheimerkrankheit ihr Stück für Stück alles nahm und eine geistlose Hülle zurück ließ, die ihre Seele gefangen hielt.

Ich lag auf der Untersuchungsliege meiner Frauenärztin und war in Gedanken bei meiner Oma. Ich dachte an die vielen wunderbaren Momente mit ihr, war froh, dass sie endlich gehen durfte und gleichzeitig unendlich traurig, dass sie ihre erste Urenkelin niemals in den Armen halten würde, niemals ihr Gesicht berühren und über ihr Haar streicheln konnte.

Auf einmal nahm ich einen besonderen Duft war, spürte eine warme Hand, die sanft über meine Wange glitt. Oma. Ich atmete tief ein und eine Träne kullerte über mein Gesicht. Ich sah ihr gutmütiges Gesicht vor mir, ihre warmen Augen mit den vielen Lachfalten. Sie zwinkerte mir spitzbübisch zu.

„Sie lächelt“, hörte ich auf einmal meine Frauenärztin sagen: „Das habe ich ja noch nie gesehen!“ Auf dem Monitor vor mir sah ich die 3D Ultraschallaufnahmen meiner wunderschönen kleinen Tochter. Sie lächelte. Sie lächelte uns an. Dann streckte sie ihre kleine Hand aus und drückte gegen meine Bauchdecke. Meine Oma beugte sich vor. Ich hielt den Atem an, als sich ihre Fingerspitzen berührten.

Meine Oma setzte sich lächelnd auf den Stuhl neben mir und hielt während der restlichen Untersuchung meine Hand. Ich wünschte mir, dass dieser Moment ewig währen würde und dann war er vergangen. Als ich mich aufrichtete war sie verwunden. Vorsichtig berührte ich die Stelle, an der sie eben noch gesessen hatte. Das Leder war ganz warm.

Draußen vor der Arztpraxis sah ich auf mein Handy und las die Nachricht, deren Inhalt ich schon kannte. Meine Oma war gestorben. Ich fuhr ins Pflegeheim und hielt sie ein letztes Mal ganz fest und eng umschlungen.

Meine Oma war eine besondere Frau. Nun reitet sie auf dem Zaun zwischen den Welten, dem gestern und morgen. In ihrem Tod hat sie meine Tochter im Leben willkommen geheißen. Der Raum ist noch immer erfüllt von ihrem Duft.

„Der Mond ist aufgegangen
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar:
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.“

 

Bild: (c) Anna-Lena Wulf