Walking Dead [Kolumne BORDERLINE]

Das neue Jahr hat begonnen und alle um mich herum sind lebendig. Nur ich nicht – ich bin tot.

Ich bewege mich wie ein Zombie durch den Alltag. Regnet es? Ist es kalt? Zehrt der Wind an mir und meinen Haaren? Wer ist der Wind. Der Bruder vom November?

Ich bleibe einfach stehen, während um mich herum alles weiterläuft. Ich bleibe einfach stehen, werde zur Statue. Ja, Statue ist prima. Stein tut nicht weh. Granit soll es sein. Ganz fester, harter Granit. Granit ist gut.

So stehe ich mitten in Kiel und kann alles sehen, muss nichts mehr fühlen und niemand kann mir wehtun, niemand. Nicht einmal ich selbst kann mir wehtun. Granit ist gut. Sie können mich besprühen mit ihrem Graffiti. Es tut mir nicht weh. Sie können Selfies mit mir machen. Es tut mir nicht weh. Sie können auf mir herumklettern, ja sogar auf meinem Kopf tanzen. Es tut mir nicht weh. Sie können mich vergewaltigen. Es tut mir nicht mehr weh. Granit ist gut.

Und doch: Eine Träne fließt den harten Stein hinab. Es ist meine Träne. Sie ist aus Blut, aber ich bin keine Heilige und der Stein ist kein Granit. Es ist mein Fleisch und es tut weh, es tut so unendlich weh; weil ich es nicht verstehe.