Weihnachtsstod [Kolumne BORDERLINE]

Ich bewege mein Messer durch das Fleisch auf meinem Teller. Es ist nicht mein Fleisch. Ich schneide und schneide und schneide, bis es still ist am Tisch. Nur in mir ist es nicht still. Alle blicken mich an – bis auf mein Mann – der kennt das.

Auf meinem Unterarm oder meinem Oberschenkel kriege ich die Schnitte feiner hin; da habe ich auch eine bessere Ausrüstung und nicht so ein stumpfes Messer. Das ist doch würdelos, Fleisch mit einem stumpfen Messer zu schneiden; den Vorwurf kann ich aber meinen Gastgebern zu Weihnachten kaum machen. Das muss ein ganz feiner Schnitt sein, eben subkutan, bevor die tieferen Blutgefäße getroffen werden. Das blutet ansonsten zu doll und die Sauerei braucht wieder zu viel Küchenrolle.

Ich lächle sarkastsich: “Sehnen”, sage ich.

Ich sehne mich nach meinem Schmerz: “Guckt nicht so allwissend; einen Scheiss wisst ihr!” Ja, ich habe Weihnachten wieder gesprengt. Wenn mich doch nur mal jemand anschreien könnte, dann kann ich vielleicht auch mal ehrlich lächeln und antworten: “Ja, genau!”

Stattdessen: Promethazin, Tavor und ganz viel Alkohol: “Mach was du willst, Jesus. Ich bin raus.”